Wolfgang Knabl  8. Oktober 2019

Wohn-Story: „Erbschaft ist ein Auftrag.“ 

 

Gerhard Gumhalter revitalisierte den Bauernhof seiner Ahnen. Stories hat das preisgekrönte Objekt im Südburgenland besucht.

 

Ein Huhn läuft über die Straße, ein Pferd reckt seinen Kopf aus dem Stall und schaut hinterher. Am übernächsten sanft geneigten Hügel steht das Haus von Gerhard Gumhalter. Aus der Ferne betrachtet schaut es relativ unspektakulär aus. Weil eine graue Katze Verhaltensmuster zeigt, die man eher von einem Esel erwarten würde – sie blockiert die Straße und geht nicht weg – folgen dem ersten Blick auf das Haus weitere. Gebäudeteile aus Sichtbeton und das „aufgefaltete“ Westdach signalisieren dezent, dass diese Immobilie doch anders ist als die anderen alten Bauernhöfe, die verstreut in der Hügellandschaft stehen.

„Heilige Hallen“

„Willkommen! Wir sind hier in den Heiligen Hallen“, sagt Gerhard Gumhalter. Das ist insofern witzig, weil wir im Innenhof des Dreikantgebäudes im Freien stehen. Der Eigentümer des Hauses hat Sinn für Humor, aber auch Recht: Der Innenhof ist das Herz des Gehöfts. Er stellt die Verbindung zwischen den einzelnen Gebäudeteilen dar. Auf der einen Seite: Die „historischen“ Wohnräume und die Küche, die Fassade strahlend weiß, Fensterläden und Türen wurden in türkis neu getüncht.
Ansonsten schaut die Außenansicht genau wie früher aus, als Gumhalters Großeltern und deren Vorfahren hier lebten. Jetzt ist es das Zuhause von Afrim Loshi, vor Jahren aus dem Kosovo geflüchtet, inzwischen Österreicher und bei Gumhalter als „Hofmeister“ angestellt. Auf der anderen Seite des Innenhofs: Sichtbeton, die Front aus raumhohem Glas, dahinter modern gestylte Räume. Hier wohnt Gerhard Gumhalter, Jahrgang 1955, Tierarzt und Humangenetiker. Geplant hat den Umbau sein Sohn, Matthias Gumhalter vom Architektur-Büro STUDIO WG3.
Wäre dieser nicht Architekt geworden, würde sich das Haus seines Vaters kaum von den anderen Gebäuden in der Gegend unterscheiden.

Uhudla-Herz

Was beim Umbau wichtig war? „Dass die alte Uhudla-Rebe im Innenhof das alles gut übersteht. In ihrem Schatten habe ich schon als Kind gespielt, ebenso mein Vater.“ Anno 2019 essen Gerhard Gumhalter und Afrim Loshi unter den Uhudla-Reben, meist selbst Gekochtes aus dem eigenen Garten. Tisch und Eckbank stammen noch aus Großvaters Zeiten.

„Erbe verpflichtet“

Schön & stimmungsvoll: Über der Glasfront zum Innenhof hängen Fotos der Ahnen. Onkel Otto, der Gumhalter den Bauernhof vererbte, ist als Erstkommunionskind zu sehen. „Aus Respekt der Verwandtschaft gegenüber war von Anfang an klar, dass ich das Haus erhalte und selbst nutze. Die Geschichte muss weitergehen. Erbschaft ist ein Auftrag.“

Wohnraum mit Stall-Geschichte

Ein wichtiger Aspekt bei der Neugestaltung des Dreikanthofes war die Beibehaltung der Formensprache des Bestandes. Die Giebelansicht im Süden und der Innenhof wurden erhalten, durch die Verwendung von Sichtbeton aber kontrastreich in eine neue Materialsprache übersetzt. Wo Gumhalters neuer Wohnbereich errichtet wurde, waren früher die Stallungen. Im Wohnzimmer wurde einst Stroh gelagert. Wo die moderne Küche auf nur einem Fundament fast schwebt, grunzten Schweine. Das Badezimmer war der Kuhstall, im ehemaligen Stierstall sind Sauna und Toilette untergebracht.

Finanz-Fragen

Auf den bequemen Sesseln neben dem Schlafzimmer sitzt man der zugbrückenartigen Terrasse gegenüber und kann dem gemischten Satz, der auf der Böschung wächst, beim Wachsen zuschauen. Hier verrät der Hausherr, wie er sein Sanierungs-Projekt finanziert hat.

Energie der Ahnen

Der Neubau fasziniert auf vielfache Weise, etwa mit seinen unterschiedlichen Ebenen. Der Schlafbereich - das Bett mit Wildkirsch-Holz aus dem eigenen Wald gebaut - ragt als „Balkon“ über die Wohnzimmer-Ebene mit der modernen helltürkisen Ledercouch. Zum Hinsetzen und Entspannen laden mit bequemen Pölstern auch die zwischen den einzelnen Ebenen über die gesamte Raumbreiten gezogenen Stiegen im Erdgeschoss ein. Aus der Moderne geht es an der Uhudla-Rebe vorbei auf das altburgenländische Vis a Vis.
Dabei wird überdeutlich klar, was Architektur kann: Stimmungen beeinflussen. Eine Stunde hier hebt die Laune wie ein kurzer Urlaub.
Ob sich Onkel Otto freuen würde, wenn er den sanierten Bauernhof sehen könnte? Gerhard Gumhalter schmunzelt: „Der siechts eh“.

 

Ausgezeichnet

Der revitalisierte Dreikanthof „HOG 15“ war das Siegerhaus Burgenland beim Architekturwettbewerb „Das beste Haus 2011.“ Planung: www.wg3.at; www.dasbestehaus.at